Streetwork in Attendorn

Am 12.10.2018 erschien in der Westfalenpost ein Artikel über „Streetwork in Attendorn“, den wir an dieser Stelle gern wiedergeben:

Attendorn.   Carmen Decker arbeitet in der aufsuchenden Jugendarbeit in Attendorn. Als Mitglied der Punk-Szene war sie früher selbst auf der Straße unterwegs.

Es ist nur ein Satz. Doch der sagt viel über Carmen Decker vom Attendorner Jugendzentrum aus. „Ich bin Anwalt der Jugendlichen“, sagt die 51-jährige Olperin mit einem Selbstverständnis, das klar macht: Die gelernte Erzieherin geht ihre Arbeit mit großem Engagement und dem nötigen Fingerspitzengefühl an. Die Straßen der Hansestadt und die Jugendlichen, die sich hier aufhalten, sind das berufliche Zuhause der Streetworkerin. Seit mehr als 20 Jahren.

Doch die Frage sei gestattet: Streetworker im Kreis Olpe? Sind die nicht eher in den Großstädten unterwegs? Die Antwort: Ja und nein! „Ich mache das in etwas abgeschwächter Form“, erklärt Decker. Die korrekte Bezeichnung sei ohnehin „Aufsuchende Jugendarbeit (AJA).“

Ihre Arbeit

An diesem Mittwochnachmittag meint es das Wetter gut mit uns. Die Sonne strahlt über der Hansestadt, entsprechend belebt sind ihre Straßen. Mit ein bisschen Glück, verspricht mir die 51-Jährige, treffen wir an diesem Tag den einen oder anderen Jugendlichen. Und tatsächlich: Nach wenigen Metern treffen wir zwei Jungs. Carmen Decker kennt die beiden , seit diese klein waren. Schon in der Schule, wo sie Schulsozialarbeit betreibt oder auch Deeskalationstraining anbietet, lernte sie die beiden Jungs kennen, die damals wie heute viel Zeit auf der Straße verbringen. Hier hängen sie ab, hier verbringen sie ihre Freizeit.

Carmen Decker geht auf die beiden zu, spricht mit ihnen zunächst über belanglose Dinge, später über die berufliche Entwicklung der beiden. Während der eine Junge bereits fest in Lohn und Arbeit ist, macht sein Kumpel gerade eine Ausbildung zum Fliesenleger. Carmen Decker ist stolz auf sie. Das sieht man der Mutter einer Tochter genau an.

Nach ein paar Minuten lassen wir die Jungs, die später noch ins Schwimmbad wollen, wieder alleine. Auch wenn es von außen betrachtet gar nicht so rüberkommt, Carmen Decker macht hier gerade ihre Arbeit, die sie wie folgt beschreibt: „Ich suche die Jugendlichen in ihren Lebensräumen auf und spreche mit ihnen über ihre Bedürfnisse“, erklärt sie. Ganz wichtig: Es sind keinesfalls nur die Jugendlichen, die als Problemfälle gelten, also die Schule geschmissen oder Drogenprobleme haben. Und die sie nun dabei begleiten will, wieder Fuß zu fassen.

Denn im ursprünglichen Sinne ist genau dies ja die Zielgruppe der Streetworker. Jungen Menschen, die von herkömmlichen sozialen Hilfeeinrichtungen nicht mehr erreicht werden. Und natürlich trifft auch Carmen Decker immer wieder auf junge Menschen mit psychischen Problemen, auf Geflüchtete mit Traumata, auf junge Mütter oder Schwangere, auf Kriminelle.

Sicherlich ist die Situation in der Hansestadt nicht vergleichbar mit der in den Großstädten, doch Carmen Decker weiß: „Attendorn ist zwar eine reiche Stadt, aber auch eine, in der viel gearbeitet wird. Entsprechend haben viele Eltern nur wenig Zeit für ihre Kinder.“

Kinder, die sie dann auf der Straße antrifft. Und für die sie dann ein offenes Ohr hat, ohne über sie urteilen zu wollen. „Ich möchte ihnen helfen, das steht im Vordergrund.“ Entsprechend wichtig für ihre Arbeit sei das Netzwerk, das sie sich über die Jahre aufgebaut hat. Zu den Jugendlichen selbst, aber auch zu Institutionen wie Johanniter, Caritas, Polizei oder auch das Jugendamt.

Ihr Ansehen

Dass die Olperin bei den jungen Menschen auch genau so angesehen wird, eben als eine Frau, die begleiten möchte, liegt sicherlich auch an Deckers eigener Vergangenheit. „Ich habe meine Jugend selber auf der Straße verbracht“, erklärt sie. Als Mitglieder der Punk-Szene sei sie auf Deutschlands Straßen gut rumgekommen.

All ihre Erfahrungen und Erkenntnisse im Umgang mit den Jugendlichen bringt sie seit etlichen Jahren als Streetworkerin ein. Ihr ist es wichtig, dass die Jugendlichen im Stadtbild nicht nur gesehen, sondern auch akzeptiert werden. „Jeder hat das Recht, hier zu sein. Die Jugendlichen dürfen und sollen hier chillen“, sagt Carmen, die früher, als sie in Attendorn noch wohnte, sogar nachts auf die Straße gegangen sei und die Jugendlichen aufgesucht habe.

Dieses Recht genießen auch Menschen wie Maike und Rüdiger (Namen geändert), die nur wenige Meter weiter auf einer Bank sitzen. Menschen mit wenig Geld, sozial isoliert, von der Gesellschaft mit dem Stempel „Penner“ oder „Säufer“ abgetan. Auch um diese Menschen kümmert sich Decker. Das Schlimmste für Rüdiger ist, dass die Zeit nicht vergehen will. Den ganzen Tag ohne Beschäftigung zu sein, eine grausame Sache sei das, versichert er. Rüdiger spricht offen über sein Leben, über die schlimme Vergangenheit ohne abgeschlossene Ausbildung und über die Monate im Knast. Und dennoch: „Man sollte uns nicht abstempeln“, springt ihm Maike zur Seite, die einen festen Job hat. Das würden viele tun. Doch eine sicher nicht: Carmen Decker, die Streetworkerin aus Attendorn.

Text: Westfalenpost vom 12.10.2018